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KOMPONENTEN AM BÜRGERSTEIG
Daniel V. Keller
25.8- 21.9.2017



Kuratorin: Irene Grillo







Komponenten am Bürgersteig sind mannigfaltig: Das gewöhnliche Bild unserer Gehwege konstituiert sich aus unterschiedlichen Zusammensetzungen von Steinen, Pflanzen, Grass, Beton, Hausfassaden, Geländern, Kanaldeckeln, Sitzbänken, Abfalleimern, Strassenlampen, Fahrradständern und vielem mehr. Ebenfalls vielfältig und vieldeutig sind die Arbeiten und die Arbeitsweise Daniel V. Kellers. Ein scharfer Blick und eine ausgeprägte Faszination für Materialien stehen am Anfang seines künstlerischen Schaffens. Aus alltäglichen Beobachtungen und persönlichen Eindrücken städtischer und urbaner Gebiete entnimmt er Elemente, Formen und Farben, die Keller in skulpturalen und installativen Werken sorgfältig übersetzt und neu interpretiert. Dem Künstler gelingt es mittels handwerklicher Präzision leibhaftige Illusionen zu erzeugen, welche die Wahrnehmung realer Objekte und dessen gewöhnlichen Bedeutungen, kulturellen Codierungen sowie hypothetischen Verweisungen hinterfragen.

Obwohl die Imitation der fassbaren Welt und deren Materialität eine zentrale Rolle in seiner Arbeit spielt, bestimmt die reine Nachahmung nicht das Werk von Keller. Man könnte die Behauptung wagen, dass die aufmerksame Wiedergabe der Wirklichkeit ihm Mittel zum Zweck sei. Um die gewünschte Täuschung zu erzeugen, sind die Oberflächen seiner dreidimensionalen Objekte treue Abbildungen des Gesehenes, unterscheiden sich bei genauerer Betrachtung jedoch in ihrer Beschaffenheit radikal von ihrem Ursprung.

Im Spannungsfeld zwischen Kopie und Abweichung entsteht ein für Kellers Arbeiten charakteristischen Aspekt, der aus absurden und ironischen, bis hin zu kritischen Momenten besteht. So zum Beispiel die Arbeit Sense of Growth (2013): Eine strommastähnliche Konstruktion balanciert inmitten des Raumes auf einer grünen Birne. Trägt die saftige Frucht die für Landschaftsgebiete typische Struktur oder wird sie vielmehr von Letzterer zerdrückt und zerstört? Durch die bizarre Komposition und die skurrile Annährung zweier in Form und Proportionen sehr unterschiedlicher Figuren, lässt die Arbeit Fragen zur Landwirtschaft und deren Verbindungen und Verhältnisse zum Produktionssystem entstehen.

Das Spiel mit den Proportionen kann als eine Art Stilmittel betrachtet werden, das wiederholt vom Künstler eingesetzt wird, um störende und insofern spekulative Elemente in seine Werke einzubauen. Für R (2016) hat sich Keller ein modernistisches Vokabular angeeignet und eine geometrische Plastik erschaffen, welche für den öffentlichen Raum bestimmt sein könnte. Die Masse des Objektes wurde aber derartig verkleinert, dass jegliche Verweise auf monumentale Gesten ausgeschlossen bleiben, während der verpixelte schwarz-weiss Farbverlauf dem Objekt einen virtuellen 3D-Charakter verleiht. Oszillierend zwischen modernistischer Strenge und futuristischer Modellhaftigkeit offenbart das Werk seinen eigenen Humor: Selbstreferenziell und Selbstironisch schlägt es den Betrachtenden neue Sichtweisen auf die Geschichte und Zukunft der Skulptur vor.

Auch in Neighbours (2017) setzt sich Keller mit Themen und Methoden der Kunst- und Kulturproduktion auseinander. Die Serie besteht aus sechs modularen Elementen aus Ton, die jeweils mit einem Loch auf einer Seite und einem länglichen Auswuchs auf einer anderen Seite ausgestattet sind. Es scheint als könnten die verschiedenen Teile sowohl unabhängig voneinander bestehen, als auch ineinander gesteckt als Komposition funktionieren. Sie sind als Räume gedacht, welche durch Öffnungen und Protuberanzen in unterschiedlichen Verbindungen zueinander stehen oder sich gegenseitig penetrieren können. Formal wirkt die Arbeit skurril und witzig während hinter der humorvollen Fassade sich theoretische Fragen zu Machtstrukturen und -verhältnissen der Inhaltsproduktion verstecken.

Die Ausstellung Komponenten am Bürgersteig gleicht einem Spaziergang durch Daniel V. Kellers breite Produktion der letzten Jahre. Sie kann als Parcours durch verschiedene Landschaften und Umgebungen gelesen werden, dessen Komponenten rätselhafte Empfindungen und poetische Zusammenhänge zutage bringen. Sie bietet aber auch zahlreiche Anregungen für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Komplexität und Vielfältigkeit zu Fragen und Themen, die den reflektierten und reflektierenden Kosmos von Keller ausmachen.

Text von Irene Grillo


Daniel V. Keller (*1987 in Münsterlingen/TG, lebt und arbeitet in Zürich) absolvierte die Keramikdesign Fachklasse an der Schule für Gestaltung in Bern und studierte anschliessend an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam und am Pratt Institute in Brooklyn/NY. 2012 war er Artist in Residence im MuseumsQuartier in Wien und bei der Keramikplattform Goodlife in Zürich. Ab September 2017 wird er das Masterstudium am Goldsmiths College in London besuchen. Er zeigte seine Arbeiten u.a. in Gruppenausstellungen in der Stadtgalerie Bern (2017), bei Jeanine Hofland Contemporary Art in Amsterdam (2015), im Museo d’Arte in Lugano (2014) und im freiraum quartier21 INTERNATIONAL, Wien (2013). Er hatte Einzelausstellungen in Mikro Zürich (2016), in der Kunsthalle Arbon (2015), im Kunstraum Kreuzlingen (2015), bei SIGNAL in Brooklyn/NY (2014) und bei P////akt – Platform for contemporary art in Amsterdam (2014). U.a. erhielt er 2016 und 2014 den Kiefer Hablitzel Preis sowie 2016 den Förderbeitrag Kulturamt Thurgau und 2015 den Adolf Dietrich Förderpreis.





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