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HÄNGEN UND STEHEN
Christian Herter
18.11 - 17.12.2016


Kuratiert von Irene Grillo






Christian Herter arbeitet vorwiegend skulptural und installativ, wobei auch zeichnerische, collageartige Arbeiten eine wesentliche Rolle in seiner künstlerischen Praxis spielen. Diese weisen eine Verwandtschaft zur Dreidimensionalität auf und stehen somit in direkter Verbindung zu seinen skulpturalen Werken. Herters Interesse gilt insbesondere der Bildschöpfung. Dabei setzt er Formwiederholungen und -gegensätze gezielt ein, um Möglichkeiten der intuitiven Bildfindung auszuloten. Ferner interessiert er sich für Momente der Unsicherheit und des Provisorischen oder, gemäss seiner Formulierung, für den prekären Zustand zwischen Stabilisierung und Destabilisierung, für das Verhältnis zwischen Stand und Fall.

Zu Beginn von Herters Arbeitsweise steht eine bewusste Einschränkung in der Auswahl der Materialien. Einfache Werkstoffe wie Holz, Papier, Karton und Styropor – alles Mittel, die im Baumarkt zu finden und ausserdem schnell zu verarbeiten sind – dienen dem Künstler als Grundmaterial. Auch alltägliche, vorgefundene Gegenstände kommen in seinen skulpturalen Werken immer wieder vor. Das Rohmaterial wird unterschiedlich bearbeitet, die dabei entstehenden Reste werden absichtlich aufbewahrt und für die Realisierung neuer Werke verwendet. Für den schöpferischen Prozess der Bildfindung sind die aus der Bearbeitung verbliebenen Formen genauso zentral wie diejenigen, die aktiv vom Künstler gestaltet werden: Sie fügen eine vermeintlich zufällige Komponente hinzu, welche es dem Künstler zu akzeptieren oder zu komponieren gilt. Herter arbeitet meistens an mehreren Werken gelichzeitig, die oft als Serien funktionieren und durch Verwandtschaften von Bildmotiven und Farbigkeit gekennzeichnet sind.

Für die Ausstellung «Hängen und Stehen» präsentiert Herter eine Auswahl von aktuellen Werken in verschiedenen Anordnungen. Im Zentrum steht das Interesse des Künstlers am Veränderbaren und an der stetigen Weiterentwicklung einer Form, sowie die Faszination für die Übergänge von einem Zustand in den anderen, was für Herter auch den Begriff der Bildhauerei gleichkommt.

Gleich zu Beginn der Ausstellung ist die Arbeit Handlauf zu sehen. Das Werk besteht aus einem industriell produzierten Stahlgeländer, aus dem amorphe und geometrische Strukturen aus Gips, Silikon, Mörtel und Styropor herauswachsen. Obwohl er auf der normierten Höhe von 90 Zentimeter an der Wand befestigt ist, hat der Handlauf seine angedachte Stützfunktion verloren. Anstatt das gerade Gehen zu erleichtern, scheint er vielmehr die Betrachtenden in die Enge zu zwingen. Besucherinnen und Besucher werden so aus ihrer sicheren und gefestigten Denkweise gerissen und in eine unsichere Lage versetzt.

Die zufällige, fast chaotische Anordnung von Chromosomen (1991-2016) scheint das Gefühl der Unsicherheit und Destabilisierung zu akzentuieren. Das Wort ‚Chromosom’ aus dem Griechischen bedeutet wörtlich „Farbkörper“. Chromosomen ist eine Serie von faustgrossen, farbigen Skulpturen, die sich aus dem alltäglichen Schaffen des Künstlers im Atelier heraus entwickelten. Sie sind aus einfachen Materialen und tragen als Titel unterschiedliche Personennamen. Die kleinen Objekte dienten am Anfang als Studien und Modelle für grössere Bildhauerarbeiten, wobei sie immer eine eigenständige Formensprache aufwiesen. Die Chromosomen stehen direkt zueinander in Verbindung: Manchmal sind ähnliche Formen, manchmal Negativformen, die sich in verschiedenen Ausführungen und wechselnder Materialität wiederholen. Manchmal inspirieren einzelne Details oder die Rückseite eines der Objekte Herter zu neuen Formen.

Die Arbeit Hängen und Stehen aus der Serie Alles will in den Boden im zweiten Raum nimmt das Thema der Destabilisierung aus einer anderen Perspektive wieder auf und treibt es auf die Spitze. Die Skulptur besteht aus zwei imponierenden Styroporstrukturen, deren beiden unteren Teile mit farbigen Flusssteinen versehen sind. Das Werk ist durch eine markante Ambiguität und Widersprüchlichkeit gekennzeichnet, die sowohl formal als inhaltlich zu erkennen sind. Die Leichtigkeit des Styropors wird der Schwere und Härte der runden Gesteine entgegengesetzt. Die zwei Hälfte der Bildhauerei befinden sich in unbeständigem Gleichgewicht: Während die eine Hälfte von der Decke hängt, steht die andere auf dem Boden. Das ‚Hängen’ und das ‚Stehen’ existieren hier aber nur in einem Abhängigkeitsverhältnis. Es ist gerade diese prekäre Lage, in der sich die zwei Teile befinden, welche die Stärke und Intensität der Arbeit ausmacht. Sie eröffnet Reflektionsmöglichkeiten im Bezug auf Statik und Materialität aber auch in Verbindung zu Fragen nach den Konditionen des menschlichen Lebens.

Christian Herter ist 1962 in Hettlingen (ZH) geboren, heute lebt und arbeitet er in Luzern. Nach einer Berufslehre zum Elektromonteur studierte er freie Kunst an der Schule für Gestaltung und Kunst Luzern. Seine Arbeiten wurden unter anderem in Einzel- und Gruppenausstellungen im Nidwaldener Museum Winkelriedhaus, im Kunstmuseum Luzern, im Kunstmuseum Winterthur, in der Galerie Urs Meile, Luzern und in der Hauser Gallery, Zürich gezeigt. Christian Herters Schaffen wurde mehrfach mit Preisen und Stipendien gewürdigt. Neben seinem künstlerischen Schaffen lehrt er an der Kunstschule Wetzikon und an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Christian Herter ist Mitbegründer der Alpineum Produzentengalerie in Luzern.

(Text: Irene Grillo)



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