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Aufwachen ohne mein Heft in der Hand
Helena Wyss-Scheffler
19.10 - 16.11.2018


Kuratiert von Katja Baumhoff





Helena Wyss-Scheffler präsentiert zum Abschluss ihrer zweijährigen Atelierresidenz in der BINZ39 eine neue Bilderserie, die in den letzten Monaten vor Ort und für den Ort entstanden ist. Ihre Einzelausstellung Aufwachen ohne mein Heft in der Handzeigt eine Serie von Innenraumdarstellungen, die auf Erinnerungen basieren –bruchstückhafte Erinnerungsfetzen an die Wohnung, in der sie aufgewachsen ist.Auf mittel-bis grossformatigen Leinwänden schafft sie mittels Gouache-und Aquarellmalerei Einblicke in Innenräume, die zwischen präziser Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen Nah und Fern, zwischen Innen und Aussen oszillieren. Dabei nähert sie sich ihrem Thema leise und poetisch, es ist eine Suche nach dem scheinbar Verborgenen und Vergessenem, dem nicht unmittelbar Sichtbaren, es ist ein Horchen auf die Zwischentöne, ein Aufspüren der Essenz der Räume. Es sind Erinnerungsfragmente an einzelne Gegenstände, Raumecken, Lichtsituationen, aber auch an die Atmosphäre, an Gerüche, an Geräusche. Zimmer gleichen gewöhnlich ihren Bewohnern–doch die Räume und Zimmer der Kindheit verändern sich in der Erinnerung, werden immer mehr zu Produkten unserer Phantasie und Einbildung. Einzelne Gegenstände, Tapeten, Stoffe, Texturen gehen zum Teil ineinander über, Konturen lösen sich auf, überlappen sich. Grössenverhältnisse verschieben sich, einst wichtige Gegenstände, das Lieblingsspielzeug, das Kinderbett bleiben einem oftmals als überdimensional grosse Objekte in der Erinnerung. Und was bleibt einem überhaupt in Erinnerung? Das Aquarium; das Gästebett im Wohnzimmer, das aufgestellt wurde, wenn die Grossmutter zu Besuch kam; der Vorhang am Fenster, der sich im Windzug unheimlich aufblähte. Helena Wyss-Scheffler bedient sich einer Bildsprache, die ebenso wie die dargestellten Räume ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheint –die psychologisch aufgeladenen Interieurs Vuillards aber auch Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit sind nicht fern. Laut Proust kann kein Mensch die Wirklichkeit ausserhalb der Erinnerung erkennen. «Eine Stunde ist nicht bloß eine Stunde, sie ist ein Gefäß, angefüllt mit Düften, Klängen, Plänen und Witterungen. Was wir Wirklichkeit nennen, ist ein gewisses Zueinander von Sinneseindrücken und Erinnerungen.» Trotz oder gerade wegen ihrer Referenzen an die Vergangenheit liefert Helena Wyss-Scheffler eine äusserst aktuelle und zeitgenössische Antwort auf die Frage nach der Macht der Erinnerung. Die ambivalente Sichtbarkeit, die zwischen Präsenz und Nichtpräsenz schwankt, wirft dringliche Fragen auf, –Helena Wyss-Schefflers Blick ist kein dokumentarischer, sondern sie inszeniert mit grosser Konsequenz die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung.
Text von Katja Baumhoff

Mark