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We used to laugh about Frank

Johanna Kotlaris
30.09 - 30.10.2021








I visit friends in a nearby city. One that is much more tranquil than the one I live in. It kind of has the blues, I think out loud, with someone I love. Maybe this is why there are so many musicians here. And sheep and chicken. Whereas where I live there are start-ups and fitness-centers, and we get the real blues from shoving too many activities into our days, or from feeling guilty about not doing so. Yes, where I live the gym keeps calling me because in a caffeine rush I accidentally pressed the wrong button on their website. They want to help me achieve my fitness goals, they tell me on the phone. I pick up only because every time they call I forget to save their number, and go like: I’ll get back to you in a few days−OK? Ok, bye then. But what are my goals?

Die endlosen Reihen von Kleiderhänger, hängenden Objekten und Kleidungsstücken in den Umkleideräumen von Turnhallen, Schwimmbädern, Schulen oder Kindergärten lassen sich als Sinnbild für Zwischenräume, Transiträume oder – auch im metaphorischen Sinn – Übergangsräume lesen und verstehen, die im Wesentlichen Orte der Begegnung sind. Als Orte der Begegnung, die zugleich sehr persönlich und öffentlich sind, an denen unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Gerüchen, Gefühlen und Gewohnheiten aufeinandertreffen. In der kurzen Zeit, in der wir uns in diesen Räumen aufhalten, reagieren wir auf andere und treten mit ihnen in Kontakt, einfach indem wir anwesend sind. Hier bedecken wir uns mit Schichten über Schichten von Kleidern, die zu einer Projektionsfläche werden, zu einem Mittel des Austauschs und der Interaktion mit anderen. Diese Zwischenräume fungieren als Schnittstelle zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, an der wie nebenbei Identität verhandelt wird. Damit werden Fragen berührt, die im Werk von Johanna Kotlaris an die Oberfläche drängen: Wie verhalten wir uns zur Welt, zueinander, im Miteinander wie auch zu uns selbst?

Sarah and I had never seen Frank outside of the house. Somehow the idea of that seemed risky.
Would we still have been the same people out there? Would we have gotten into a fist fight out on the streets? Would we have fallen in love? Would we have still been speaking the same language or would our tongues have frozen in our mouths? Would we even have recognized each other’s faces on a distance bigger than the diagonal length of our living-room?

Die Einsicht des französischen Philosophen Merleau-Ponty, dass alle menschlichen Erfahrungen in der sinnlichen, physischen Wahrnehmung der Welt wurzeln, impliziert einen ständigen Zustand der Verflechtung von Selbst, Umwelt und anderen Menschen. Diese Art von non-verbaler Kommunikation, nämlich die Art und Weise, wie Menschen sich in ihrer Umwelt bewegen, diese nutzen und organisieren und welche Distanzen sie dabei nehmen, wie dies das Verhalten und die täglichen sozialen Interaktionen beeinflusst, wurde 1963 von dem Kulturanthropologen Edward T. Hall als “Proxemik” bezeichnet. Gemäss Halls Forschung lassen sich die relativen Distanzen zwischen Menschen durch fünf konzentrische Zonen beschreiben die mit Farben assoziiert sind: die intime (blau), die persönliche (grün), die soziale (violett), die öffentliche (orange) und die 12-Meter-Zone (rot). Ausgehend von ihrem Interesse, wie Grenzen erfahren, materialisiert und aufgelöst werden, reagiert Kotlaris in ihrer künstlerischen Arbeit auf diese Studie mit einer neuen Serie von performativen und zugleich figurativen Arbeiten. Diese aus Gipsplatten - einem Kennzeichen der häuslichen Umgebung - projizierten und geschnitzten Arbeiten verwischen die Linien, die das von Hill vorgeschlagene System definieren, und sprechen für eine grundsätzlich hybride Natur unserer Körper.

Poor Frank was living in the aquarium: an improvised room with glass walls and a glass door. He was a teenager and an old man at the same time−didn’t seem familiar with his own body and simultaneously dragged it along as if he was hoping to get rid of it at the next corner. An object weighing heavy on his soul. We found that kind of funny. Haha−Sarah and I would mock him−haha−secretly−while he was working−haha−at the bank−haha. Yeah, Frank had a good job. Not in the way that it was good for him, just in the way that it paid well. And if a lot means good, then he made good money. We didn’t know how much because numbers on bank accounts were abstract for us. Oh, abstraction was good thing, but money? Hmhn−money was the only value we really needed to touch in order to know that it was real. Frank on the other hand could have easily afforded his own place. Probably one with a terrace, a view, perhaps with a garage for a car. Maybe a place above a bakery or a flower shop. Frank was experienced in picking apartments. He had lived here and there and here and there. Then here, then there, and when the city here became too tight, he’d move to a city there. And now he was here, with Sarah and me. And our apartment was the only place where we were ever seen in that constellation of three. She and I went in and out of the house and Frank’s big weekly pots of soup kept waiting hopefully for one of us to dip their spoon in. “It’s fine” said Frank, and every day added another carrot or another potato. “It’s fine, because when you boil it, the bacteria die”. Hehe−we would giggle secretly−hehe.

Hinter verschlossenen Türen, zwischen Familienmitgliedern aber auch Mitbewohnern, in der von Aussen abgeschirmten „persönlichen Zone“ zeigen wir unser wahres Gesicht. Im engsten Kreis von Menschen teilt man sein nacktes und verletzliches Selbst. Hier können wir scherzen und spötteln wie Narren, ihre gemusterten Fahnen schwenkend.
Warum erhebt sich plötzlich eine Mauer an der Grenze dieses Kreises, wie zwischen den Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus? Und wo finden sich Durch- oder Eingänge, die von der einen Seite der Mauer auf die andere Seite führen? Grenzen und Distanzen können mehrdeutig sein und sich von Person zu Person unterscheiden. Jede Eingangstür hat ein anderes Schloss, und zu jedem Schloss gehören andere Schlüssel. Während für den einen das Öffnen seiner

Tür im Akt des Anbietens eines Olivenzweigs geschieht und ein Versuch ist, die Mauer zu überwinden, von einer Seite der Mauer auf die andere zu gelangen, vom Sozialen zum Privaten - kann in demselben Akt für einen anderen invasiv wirken. Dieses System zeigt eine grundsätzlich schwarz-weiße Sicht auf die Welt, die in zwei Bereiche aufgeteilt ist. So wie schwarz-weiße Anzüge als Uniform getragen werden, um die soziale Oberfläche zu glätten und das nackte und verletzliche Selbst dahinter zu verbergen, wird durch diese Dichotomie von Schwarz und Weiß jede Nuance anderer Möglichkeit ausgeschlossen und macht alles, was nicht in diese Box passt, zu etwas Außergewöhnlichem, Verrücktem.

Hehe, yeah, but also: Everyone could become Frank, especially us. Everyone could be stirring a big pot of soup one day, hoping to make peace with the world. Haha, no, we didn’t know that life isn’t linear− haha−but chaotic. That everything is chaos−haha−and that holding on to a wooden spoon−haha− and stirring the veggies−haha−can mean maximum security at times. We didn’t see that things are never either/or but always everything at the same time. Not in the way that individual events happen simultaneously, but in the way that simultaneity is the only thing existing. And that Frank might have been a teenager and an old man at the same time, but so were we: captured in an object heavy on our souls.

We used to laugh about Frank, yes, but when Frank was laughing... Oh dear! The muscles in his jaws would pull back and up went all that excess skin which had been slowly melting throughout the years. His face would stretch wide, showing his teeth, opening his nostrils. Only his eyes would stay exactly in place, soft. Now that the lower part of his face was tight, it looked painful having to hold them inside. If we were to laugh at that point, would we have laughed with him or at him? Either way, looking at Frank smiling was a mindfuck.

Der französische Philosoph Michel Foucault führt die Anfänge der Geschichte des Wahnsinns auf die zweite Hälfte
des 18. Jahrhunderts zurück, als in dem Bemühen, die wachsende Bevölkerung unter Kontrolle zu halten, verschiedene Archetypen und Normen entwickelt wurden, um jegliches unkonventionelle oder unberechenbare Verhalten – wie prototypisch die historisch vieldeutigen und bedeutsamen Verhaltensspielräume des Narren - einzudämmen, Die Furcht der Machtinhabern vor der Unberechenbarkeit und Sprengungen der kontrollierbaren Konventionen kerkerte die Narren in die Sphäre des Krankhaften, des Wahnsinns womit Ihnen die Fähigkeit der Teilnahme am öffentlichen Leben abgesprochen wurde. Es wurden Mauern errichtet, um Menschen, die den sozialen und gesellschaftlichen Normen und Konventionen nicht entsprachen, aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschliessen, indem sie in Gefängnisse und Krankenhäuser gesteckt wurden. Kotlaris lässt in ihrer Arbeit ein Bild des Narren zwischen diesen Mauern tanzen.

I get it now; you need perseverance if you want stability. Stir, wait, stir, wait. Now was his time to let things simmer, not for hours, not for days, not for weeks, but for years. It was time to stay. With people, places, with himself. Stick with what’s there. Frank was trying to feel connected, to be together. And we were just too silly to understand what that meant. Not only for him, but in the perspective of what life can be. Were we his potential children, his potential lovers, his potential parents? We could have been all of it, but we were none. And he was a fool in our eyes, a delusional clown, our personal house jester. We just didn’t know that we all were each of those things, in our own ways.

Der heute oft negativ besetzte Begriff des Narren ist nicht nur in der europäischen Geschichte und religiösen Überzeugungen anzutreffen, sondern ist tief in den unterschiedlichsten Kulturgütern der Welt verankert: in vielen Kulturen galt ein Mensch, der “besessen” war, als von den Göttern gesegnet, erleuchtet und ihm wurde ein tieferes Verständnis für spirituelle und universelle Wahrheiten attestiert. Es sind die Verrückten, die Narren, die helfen können, eine Art Wahrheit zu sehen und zu umreißen, gerade auch weil wunde Punkte offengelegt und er-sichtlich oder etablierte Perspektiven versetzt werden, indem die normative Blickrichtung entzerrt wird und sich der Blick seitwärts, diagonal oder quer öffnet und damit Wahrheiten, die über das Gewohnte, Konforme und Übliche hinausgehen, offenbar werden können.

My friends in the nearby city seem happy. They are a couple, they have two kids, they live in a three story house. We jump into the river and let our bodies thrift with the water current. It feels light to exist here, as if the difference between getting out and floating away wasn’t even so big. Not in a suicidal way, just in the way that the outside and the inside feel like one.

When we get out of the water the kids make ice cream from sand for me and the parents invite me over for the night. Why would they invite me over? I have my own house in another city, that busier city, that city without the goats and the chickens. I think it through while pretending to eat the sand, eh, the ice cream. It’s banana and chocolate. Later we walk along the water and the children start being tired and cranky. One of them left their favourite stuffed animal at home and this seems like an existential conflict. Not even the fact that we are actually walking towards home seems to be helping. A bit further down I find an injured moth on the pathway and show it to them up close. Everything relaxes for a few minutes and it suddenly hits me that parenting must be about teaching children to be with other humans, rather than teaching them how to be in a group of just a few. And maybe that’s also why they invited me over. Frank, if you hear me: I am sorry.

Johanna Kotlaris, Kristina Grigorjeva

Johanna Kotlaris (*1988, CH) ist im Tessin aufgewachsen und lebt und arbeitet in Zürich. Sie hat einen BA-Abschluss
in Design von der Gerrit Rietveld Academie Amsterdam und einen MFA vom Piet Zwart Institute in Rotterdam. In ihrer künstlerischen Praxis interessiert sie sich für die zwischenmenschliche Erfahrung, und die Entstehung und Auflösun der damit verbundenen räumlichen Grenzziehungen. Als Werkzeuge und Ausdrucksmittel verwendet sie oft Sprache und umschreibt, wie das Zusammenspiel zwischen emotionalen, sozialen und physischen Räumen verschiedenartige Sinne von Identität, Autonomie und Interdependenz bilden. Mit Hilfe unterschiedlicher Medien wie Performance, Klang, Installation, Video und Skulptur untersucht sie, wie das persönliche Erleben mit unserer sozialen und politischen Realität verflochten ist und wie dieses Zusammenspiel Machtverhältnisse und Ordnungssysteme erschafft.


Vernissage:
Donnerstag 30.September 2021
18 – 21Uhr

Finissage:
30. Oktober 2021

Öffnungszeiten:
Do – Sa, 14–18 Uhr und auf Anfrage 






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